Leserin fragt: Neues Land, neuer Broker?

Leserin L. ist agil, ihr Depot eher nicht

Was tun fragt sie

Ich habe letztes Jahr angefangen in ETFs zu investieren – erst sporadisch, dann per Sparplan. Während Corona habe ich noch einmal kräftig nachgekauft. Ich habe drei verschiedene ETFs im Depot und mein Online Broker ist Flatex Österreich.
Nun sind wir im September aus beruflichen Gründen von Wien nach Amsterdam umgezogen und werden voraussichtlich die nächsten Jahre hier bleiben. Danach könnte es zurück nach Österreich gehen oder in die deutsche Heimat oder ganz woanders hin. Schwer zu sagen.
Habe schon ein Depot bei Degiro hier in den Niederlanden eröffnet und frage mich:

  1. Was mache ich mit dem Depot bei Flatex Österreich? Liegen lassen? Depottransfer nach zu Degiro in die Niederlande? Löst letzterer den Verkauf und Neukauf und damit die volle Besteuerung aus? Außerdem hatte ich Online auch von Problemen mit der Eintragung der Einstandskurse, die dann mit 0 Euro vermerkt wurden, gelesen.
  2. Wenn wir die Niederlande wieder verlassen, stehen wir wieder vor diesen Fragen. Und da die ETFs der langfristigen Buy&Hold-Anlage zur Altersvorsorge dienen, möchte ich Kauf und Verkauf so gut es geht vermeiden.

Der Finanzwesir antwortet

Leserin L. hat ein Steuer- und ein IT-Problem.

Das Steuerproblem

Steuerrecht aus der Kaiserzeit trifft auf mobilen, länderübergreifenden Lebenswandel. L. wird sich in die Grundlagen selbst einarbeiten müssen und eventuell auch eine Fachkraft konsultieren müssen. Eine der größten Hürden ist sicherlich das Thema Doppelbesteuerung. Wo kommt das Geld her und wo müssen die Einkommensströme versteuert werden? Was haben wir?

  1. Das Einkommen von L.
  2. Die Kapitalgewinne durch die ETFs.

Diese Konstruktion ist so einfach, dass L. hoffentlich nur in einem Land unbegrenzt steuerpflichtig ist. Aktuell sind das die Niederlande. Alle Einnahmen müssen in den Niederlanden versteuert werden.

  1. Das Arbeitseinkommen wird in den Niederlanden gezahlt und dort versteuert.
  2. Die ETFs schütten oder thesaurieren in einem Ösi-Depot. In Österreich gibt es keine Freibeträge auf Kapitalerträge. Flatex führt von jedem Euro 27,5% an den österreichischen Fiskus ab. Das ist der Regelfall. L. ist Auslandskundin, die in Österreich nicht steuerpflichtig ist. Was passiert jetzt?
    • Flatex führt keine Quellensteuer ab.
    • Flatex führt nach wie vor die Quellensteuer ab. L. kann sich die Kohle auf Antrag zurückholen. Von wem auch immer. Vom österreichischen Finanzamt oder via Doppelbesteuerungsabkommen vom niederländischen Fiskus.

Meine Prognose: Egal ob Auslandskunde oder nicht: Flatex führt die Quellensteuer ab und ist damit fertig. Keine Sonderprozesse und vor allem kein Stress mit dem Staat Österreich. Aber wir werden sehen, was die Österreicher nachher in die Kommentare schreiben.

Brokerwahl – Was sollte L. tun?

L. hat vier Möglichkeiten

  1. Das Flatex-Depot behalten und zum alleinigen Altersvorsorge-Depot zu machen.
  2. Das Degiro-Depot zum Altersvorsorge-Depot ausbauen. Flatex wird übertragen und dann geschlossen.
  3. Flatex behalten, mit Degiro neu starten, dann im nächsten Land mit dem dritten Broker starten.
  4. Sich einen Broker suchen, der keine Quellensteuer abführt und die Kapitalerträge selbst in der Jahressteuererklärung deklarieren.
Flatex behalten

Aufgabe für L.: Klären, wie Flatex sich gegenüber Steuerausländern verhält. Wenn Flatex bei Steuerausländern keine Quellensteuer abführt, ist alles ok.

  • L. ist in Österreich steuerpflichtig: Flatex führt die Quellensteuer direkt ab.
  • L. ist nicht in Österreich steuerpflichtig: Flatex führt keine Steuer ab. L. deklariert die Kapitalerträge selbständig in dem Land, in dem sie steuerpflichtig ist.

In beide Fällen: Ein Steuerregime.
Nicht akzeptabel: Flatex führt auch bei Steuerausländern die Quellensteuer direkt ab. Zwei Steuerregimes, da landet L. zwischen Skylla und Charybdis.

Auf Degiro setzen

Wie Flatex – nur in orange.

Neues Land, neuer Broker

Operativer Unfug. Das wird das Steuerchaos par excellence.

Selbst deklarieren im Auslandsdepot

Ein Broker, der eigenmächtig Quellensteuer abführt ist ungünstig. Das Geld ist weg und man muss ihm hinterherlaufen. Broker wie Captrader oder Swissquote tun das nicht. L. bekommt hier alle Dividenden und Ausschüttungen gutgeschrieben und muss diese dann zusammen mit ihrem Arbeitseinkommen versteuern.
L. braucht einen Auslandsbroker, der nie Quellensteuer abführt. So stellt sie sicher, dass sie nicht zwischen zwei Steuerregimes zermahlen wird.

Die Vorteile

  1. L. kann in der Weltgeschichte herumziehen und ihre Altersvorsorge bleibt stationär. Die ETF-Erträge werden nach dem aktuell gültigen nationalen Steuerregime besteuert.
  2. Bessere Liquidität. Die Kapitalertragssteuer wird nicht direkt abgeführt, sondern deutlich später in der jährlichen Steuererklärung deklariert. L. verfügt länger über das Geld.
  3. Fremdwährungskonten inklusive. Die Fondswährung sind Dollar? Nun, dann landen die Ausschüttungen auch in Dollar auf dem entsprechenden Verrechnungskonto des Brokers. L. entscheidet wann und ob sie Dollar in Euro tauscht. Transferwise hilft – da ist der Kurs dann auch besser als das, was eine Comdirect oder ein anderer Inlandsbroker bieten. Vielleicht will L. aber auch gar nicht tauschen, sondern einfach in Dollar bezahlen. Dollar in der Tasche; keine schlechte Option für jemanden der schreibt

„oder ganz woanders hin“

In vielen „Ganz-woanders-Hins“ tauschen die Menschen gerne Ware gegen Dollar. Warum erst hin und dann wieder her tauschen und zweimal beim Wechselkurs was weggezwickt bekommen?

Die Nachteile

Mehr Arbeit und höhere Kosten.

  1. Die ganzen schönen Marketingaktionen der deutschen Broker sind weg. Keine Null-Euro-Kaufkosten, keine Null-Euro-Depotgebühren.
  2. Oft keine Sparpläne.
  3. Kein Welpenschutz. Das deutsche Verbraucherschutzrecht gilt nicht mehr.
  4. Die Steuer muss L. selbst machen. Das ist mehr oder weniger aufwändig, je nach dem wie gut der Broker die Käufe und Verkäufe des Jahres aufbereitet. Schlimmstenfalls muss L. die rohen Transaktionen mit Hilfe von Excel in Form bringen.

Meine Empfehlung

L. sollte sich für einen soliden Auslandsbroker entscheiden und alle ETFs dort zusammenziehen. Das Fachwort lautet: „Depotübertrag“. Der sollte eigentlich kostenlos möglich sein. Aber das muss sie individuell prüfen. Ein Übertrag ist kein Verkauf, weil sich die Besitzverhältnisse nicht ändern.
Fallstrick: L. schreibt

Ich habe drei verschiedene ETFs im Depot“

und dann

„Nun sind wir im September umgezogen…“

Wenn beim Übertrag aus dem österreichischen Ich-Depot ein niederländisches Wir-Depot wurde, ist Vorsicht angebracht. Das könnte – muss aber nicht – steuerliche Verpflichtungen auslösen. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist das nichts weiter als ein grenzüberschreitender Move. Die ETFs werden vom alten auf den neuen Broker übertragen. Das mag ein bis drei Wochen dauern und dann war’s das. Der neue Broker unterstützt einen dabei auch.

Dieses Auslandsdepot wird dann die zentrale Säule der Altersvorsorge. Steuerlich ist das vollkommen unproblematisch, denn L. gibt das Depot an und versteuert alle Erträge. Auch wenn es für viele brave Sparkässler unvorstellbar ist: Ein Auslandsdepot begründet noch nicht den Verdacht auf Steuerhinterziehung. Ja, man darf das.

Dieses steuerliche Selbermachen ist der Preis für den polyglotten Lebensstil. Grenzgänger hatten es zu allen Zeiten schwer. Mehr Bürokratie ist der Preis für dieses Leben. Alles Laufen lassen ist keine Option. Das wird zu teuer. Aber für jemanden, der abenteuerlustig genug ist, um sich in den Zug nach irgendwo zu setzen, sollte das kein Problem sein.

Das dicke Ende

Das mit dem Broker ist geklärt, aber ich habe ja ganz oben ein IT-Problem erwähnt. L. braucht ihre eigene Cloud.
Warum?
Weil Menschen, die ein Leben wie L. führen, es schwer haben, eine Lösung konsequent durch zu halten. Womöglich bietet L.s nächster Arbeitgeber ihr Aktienoptionen an, die aber nur beim Broker X liegen. Oder sie hat die Möglichkeit ihr ausländisches Gehaltskonto um eine vermögensbildende Option zu erweitern.
Andere Länder andere Sitten und wenn es lukrativ ist: Warum nicht.
L. wird niemals die Person sein, die seit 20 Jahren drei Zeilen im Depot hat. Auch wenn sie konsequent vereinfacht: Die Komplexität wird sich in ihr Leben schleichen.
Zusätzlich reden wir von der Altersvorsorge. Sagen wir, Showdown ist in 30 Jahren. 2055: L. fängt an zu verkaufen und das Finanzamt nimmt sich seinen Teil. L. findet: „Der ist aber viel zu groß.“ Dann muss L. in der Lage sein zu sagen: „Diese ETFs habe ich 2020 gekauft, als wir damals in Holland waren. Und das hier sind die Abrechnungen: Ich habe zu 24,65 € gekauft und nicht zu 17,36 €. 17,36 €, das war 2018 in Österreich.“

Oder wie L. schreibt

„… auch von Problemen mit der Eintragung der Einstandskurse, die dann mit 0 Euro vermerkt wurden, gelesen.“

Ja, das kann passieren und es wird passieren. Oder etwas anders wird passieren. Und was jetzt? Selbstmord aus Angst vor dem Tod? Die Antwort kann nur sein: Dokumentieren!
Wer ein Leben wie L. führt, muss dokumentieren. L. sollte alle PDFs, die der Broker liefert in der eigenen Cloud ablegen. Schön nach Broker und Jahrgang sortiert.
Dropbox, Google Drive oder das Microsoft Äquivalent sind für mich aus den folgenden Gründen keine Option

  1. Datenschutz: Ich will der NSA meine Kontoauszüge nicht frei Haus liefern.
  2. Sie kosten nichts. Womit bezahle ich dann?

Hier gilt der Spruch: Eigener Herd ist Goldes wert.
Die eigene Cloud ist mittlerweile für jeden erschwinglich und technisch auch keine Herausforderung mehr. Googlen Sie „Nextcloud hosting“ oder „Owncloud hosting“ und nehmen Sie das kleinste Paket, das man ihnen anbietet.
Beispielsweise 50 GB Speicherplatz für 2,50 € monatlich. So ein Banking-PDF bringt zwischen 50 und 100 KB auf die Waage. 50 GB bedeutet: Fünfhunderttausend bis eine Million Kontoauszüge, Jahresabschlüsse, Kauf- und Verkaufsbescheinigungen und Erträgnisaufstellungen. Mit anderen Worten: 5 GB reichen auch; die gibt es aber nicht zu kaufen. Und nein: Die kostenlose Option ist keine Option. Wer die Cloud nicht ehrt ist die Börse nicht wert und gehört ins Tagesgeld.
Operativ ist Nexcloud auch sehr nutzerfreundlich. Es gibt einen Client, den installiert man auf seinem Rechner. Dann schaufelt man die Downloads direkt in den Client und der lädt dann alles automatisch in die Cloud hoch.
Das Hauptproblem ist hier die Disziplin. 2020 Dinge archivieren, die man womöglich 2055 gar nicht braucht…

Fazit

L. braucht etwas Disziplin und Einarbeitungszeit, dann klappt das auch mit dem Vermögensaufbau. Sie sollte nicht versuchen die Kosten zu optimieren, sondern bereit sein ein gewisses Premium für Flexibilität zu bezahlen. Das Motto sei: „Weltweite Performance soweit ok“, anstatt „Super für Holland und bei Umzug Abriss bis auf die Grundmauern.“
Viel wichtiger als die Brokerwahl sind sowieso die steuerlichen Gestaltungsmöglichkeiten in Bezug auf das Gehalt.
Aber das ist nicht mein Revier. Da braucht L. einen Steuerspezialisten, der die steuerlichen Möglichkeiten für sie maßschneidert. Steuer ist immer individuell.