Leserfrage: Soll ich meinen ETFs einen Trenchcoat spendieren?

Leser S. fragt nach einem Mantel für seine ETFs

Ich bin 38 Jahre alt, verheiratet, Arzt von Beruf und arbeite in einer Klinik in Frankfurt. Bereits seit Studienzeiten werde ich von diversen Finanzdienstleistern (MLP, Mayflower, Ärztefinanz) umworben und „beraten“.
Ziel war es immer die „optimale“ Lösung für meine Finanzen und Versicherungen zu finden. Da ich mich im Studium und auch unmittelbar danach nicht näher mit finanziellen Themen auseinandersetzen musste, mal abgesehen davon dass ich gar keinen finanziellen Spielraum hatte, habe ich einige Zeit später beschlossen mich zukünftig selbst um meine Finanzen zu kümmern.
Seit einigen Jahren besitze ich nun ein Depot und bespare begeistert und ausdauernd MSCI „Brot und Butter“-ETFs. Ziel ist die Strategie eisern mit einem Sparbetrag von mindestens 600 € / Monat bis zum Rentenalter durchzuhalten.
Vor Kurzem informierte mich ein Finanzberater, dass es auch den ETF im Versicherungsmantel gibt und dieser steuerlich begünstigt wird. Ich könne mein Depot mit denselben ETFs fortführen, bloß in einer Versicherungsumgebung.
Ich bin skeptisch.
Leider habe ich keine Informationen zu dem Thema und habe keine Langzeitstatistiken, beziehungsweise Vergleiche mit meiner momentanen Strategie gesehen.
Hast du Erfahrung, beziehungsweise nähere Informationen zu dem Thema? Ich will mich nicht komplett gegen das Thema Versicherung sperren, dennoch bin ich sehr skeptisch was das Thema betrifft. Wir finanziell gut situierten und schlecht informierten Ärzte sind klassische Zielgruppe der Finanzbranche. Sicherlich wäre so ein Mantel auch mit hohen Kosten verbunden. Die Frage ist unter andrem, ob es so ein Produkt dank steuerlichen Vorteilen schafft im langen Zeitraum (30 Jahre) im Vergleich zu meiner aktuellen Lösung tatsächlich die Nase vorn zu haben.

Der Finanzwesir antwortet

Wir haben zwei Möglichkeiten, dieses Thema anzugehen.

  1. Wir sehen es als Geldanlage.
  2. Wir betrachten das Problem durch die Brille eines Risikokapitalgebers.

ETF im Versicherungsmantel als Geldanlage

Wenn wir – egal ob über einen oder vier Indizes – in 23 Industrie- und 26 Schwellenländer investieren, so wie S. das macht, dann haben wir rund 2.500 Firmen im Depot. Jede einzelne Firma ist nur Kanonenfutter. Wenn Apple in 30 Jahren im Insolvenzverfahren steckt, gibt der MSCI World den Stab einfach an eine andere Firma weiter. Welche? Keine Ahnung. Womöglich wird der Apple-Nachfolger erst 2030 gegründet.
Indexing ist Statistik. Wir bilden lange Zeitreihen und rechnen mit Mittelwerten und Standardabweichungen. Einzelschicksale interessieren nicht.
Soweit der ETF-Teil. Kommen wir nun zum Versicherungsmantel.

ETF im Versicherungsmantel aus Perspektive eines VC

Der Versicherungsmantel ist keine Statistik, sondern Einzelschicksal. S. schließt über seinen Vermittler bei einer bestimmten Versicherungsgesellschaft einen konkreten Vertrag ab.
Dieser Vertrag hat eine sehr lange Laufzeit und sein Erfolg hängt zum Teil von Variablen ab, die S. nicht beeinflussen kann. Genauso geht es Risikokapitalgebern. Wobei Risikokapitalgeber ihre Beteiligungen im Durchschnitt sieben Jahre halten. S. rechnet mit drei Dekaden. Gut, dafür ist das VC-Business auch deutlich dynamischer.
Risikokapitalgeber lösen das Problem, indem sie prüfen, ob die Erfolgsvektoren grundsätzlich in die richtige Richtung zeigen. Hat dieses Team mit diesem Angebot grundsätzlich Chancen profitabel zu werden?

Genau diese Frage sollten wir uns auch beim ETF im Versicherungsmantel stellen.
Als Ingenieur, der humanistische Bildung schätzt, habe ich zwei lateinische Weisheiten für unsere Due Diligence im Gepäck.

  1. Cui bono? – Wem nützt’s?
  2. Caveat emptor – Möge sich der Käufer in Acht nehmen.

Cui bono?

S. ist nicht selbst auf die Idee gekommen seine ETFs in einen Versicherungsmantel zu stecken, sondern es wurde ihm von einem Finanzberater vorgeschlagen. Damit haben wir die folgenden drei Szenarien

  1. ETF im Versicherungsmantel ist gut für den Finanzberater und gut für S. (bessere Rendite als die nackte ETF-Strategie)
  2. ETF im Versicherungsmantel ist gut für den Finanzberater und neutral für S. (in etwa die gleiche Rendite wie die ETF-Strategie)
  3. ETF im Versicherungsmantel ist gut für den Finanzberater und schlecht für S. (schlechtere Rendite als einfach 600 € monatlich in ETFs zu packen.)

Da beginnt die Asymmetrie. Die Detailanalyse ergibt:

Wenn S. seine ETFs in den Versicherungsmantel verschiebt, ändert sich die Rendite nicht. Das ist ja das Geniale an ETFs: Sie sind keine Produkte für den Privatsparer, sondern Tools für die Instis. Wir als Privatanleger haben hier die Chance auf Industriequalität.
Das bedeutet: Der Versicherer bekommt bei den laufenden Kosten (der TER) keine bessere Konditionen, als S. Wenn S. seinen Sparplan von einem der Billigbroker wie Smart Broker oder Trade Republic ausführen lässt, hat er auch bei den Konditionen Insti-Niveau erreicht.
Egal ob DIY oder im Versicherungsmantel: Die Rendite-Engine hat in beiden Fällen die gleiche Power.
Kommen wir zum Zubehör:
S. wird mit folgendem Deal gelockt: Die Steuerersparnisse werden für die nächsten 30 Jahre (wir schreiben das Jahr 2050, S. ist jetzt 68 Jahre alt) die Mehrkosten des Versicherungsmantels mehr als ausgleichen. Wie wahrscheinlich ist das?

Nahrungsketten-Betrachtung

  1. DIY: S. => Broker => Börse
  2. Versicherungsmantel: S. => Makler => Versicherungsunternehmen => Broker => Börse

Die Steuerersparnis muss also den Makler und das Versicherungsunternehmen ernähren und dann muss noch eine Risikoprämie für S. dabei herausspringen. S. geht das nicht unerhebliche Risiko ein, dass sich die steuerlichen Spielregeln ändern.

Die Steuervorteile

Nachgelagerte Besteuerung

Ausschüttungen und Gewinne durch Verkäufe sind im Versicherungsmantel steuerfrei. Besteuert werden später die Auszahlungen. Damit profitiere ich als Anleger vom Zinseszins-Effekt.

Niedriger Steuersatz

Auszahlungen werden mit der Hälfte des persönlichen Steuersatzes versteuert. Also maximal die Hälfte von 47 % (inklusive Soli). Das ist immer niedriger als die Abgeltungsteuer (26 % inklusive Soli), die bei einem ETF-Sparplan angesetzt wird.

Niedrigere Steuerbasis im Fall der Verrentung

Bei einer Verrentung mit 67 Jahren wird ein pauschaler Ertragsanteil von 17 % der Rente angenommen. Bei einer langjährigen Anlage liegt der Ertragsanteil des Vermögens typischerweise bei 40 % – 60 %. Entsprechend höher ist der Steuerlast bei einem ETF-Sparplan.

Kritische Durchsicht der Steuervorteile

Wie viel bringt die nachgelagerte Besteuerung?

  • Aktuell beträgt der Steuerfreibetrag 801 Euro pro Person, Ehepaare das Doppelte.
  • Brot&Butter-ETFs haben eine Ausschüttungsquote zwischen 1,5 % und 2 %.
  • Das bedeutet: Bevor S. nicht zwischen 40.000 Euro und 53.000 Euro gespart hat, zahlt er keine Steuern.
  • Dazu braucht er bei seiner Sparquote zwischen 67 Monaten (5 Jahre, 7 Monate) und 89 Monaten (7 Jahre, 5 Monate).

In dieser Zeit sind DIY-ETF und ETF im Versicherungsmantel steuerfrei.

Der Versicherungsvertreter wird sagen: Ja, aber im Versicherungsmantel kann man steuerfrei in beliebiger Gewinnhöhe umschichten. Umschichten kann S. sein DIY-Depot auch. Aber seine Umschichtungsgewinne konkurrieren mit seinen Ausschüttungen um die Steuerfreiheit. Wenn S. schon für 400 € Ausschüttungen erhält, kann er bei einer Umschichtung nur 401 € steuerfrei kassieren, den Rest muss er versteuern.
Der Finanzwesir sagt: Das man im Mantel beliebig steuerfrei umschichten kann ist kein Feature, sondern ein Bug. Es verleitet zur Beliebigkeit.
Der Versicherungsmensch ruft an und sagt: „Wir haben jetzt den neuen kostengünstigen Rendite-Booster-ETF im Programm. Den sollten sie mal ausprobieren“.
S. hmhmt skeptisch ins Telefon.
Der Vertreter: „Herr S., nicht so zögerlich. Das kostet doch nichts!“
Also gut denkt sich S., die Argumente klingen überzeugend und kost’ ja nix. Und schichtet um.
Das passiert noch ein paar Mal und auf einmal hat S. eine dieser ETF-Ansammlungen im Depot, die den Finanzwesir zur Schnappatmung bringt. Und als Arzt weiß S., dass hoher Blutdruck und alter Mann keine gute Kombi ist. Das wird er seinem Finanzwesir hoffentlich nicht antun.
Weil der Vertreter S. schon mal am Telefon hat, erzählt er ihm gleich von der neuen tollen Haftpflichtversicherung (Sie als Arzt stehen doch immer mit einem Bein im Knast…).
Mit anderen Worten: Die Möglichkeit ETFs steuerfrei auszutauschen ist ein Einfallstor um S. mit vertrieblichen Maßnahmen zu bedudeln. Nix DSGVO und lass mich in Ruhe. Jeder Kontakt ist sachlich begründet. Es gibt ja was Neues zum Depot zu erzählen und S. muss darüber informiert werden. Der Vertreter tut nur seine kundenfürsorgliche Pflicht.

Ganz anders der DIY-Plan: Da steckt echtes Commitment dahinter. Es ist klar: Umschichten kostet. Also mache ich mir vorher gründlich Gedanken und halte dann Kurs. Vertriebsinduziertes Larifari im Depot ruiniert die Rendite.

Was tun, wenn S. seine 50.000 Euro voll hat? Nun, dann kann er immer noch den Niedrigzins nutzen und fürderhin Thesaurierer besparen.
Die Steuerlast für einen Thesaurierer bemisst sich nach der Vorabpauschale und um sie zu berechnen, brauchen wir die folgenden Ingredienzien

  1. Wert des Fonds am Jahresanfang
  2. Basiszins
  3. Teilfreistellung
  4. Kostenpauschale
  5. Einen Schnaps

In unserem Beispiel arbeiten wir mit dem folgenden Werten

  1. Wert des Fonds am Jahresanfang: 10.000 €
  2. Basiszins für das abgelaufende Steuerjahr 2019: 0,07 %
  3. Teilfreistellung: 30 %
  4. Kostenpauschale: 30 %
  5. Einen Schnaps: Botucal Reserva Exclusiva Rum

Damit ergibt sich die Vorabpauschale für das abgelaufene Steuerjahr zu: 10.000 € * (0,07 % -30 % * 0,07 %) = 4,90 €.
Die Steuerlast ergibt sich zu 4,90 € * 0,7 % (Teilfreistellung) * 26,375 % = 0,90 €

Das bedeutet: Für jede 10.000 €, die über die ersten vom Freibetrag abgedeckten 50.000 € hinausgehen, zahlt S. 90 Cent Steuern. Und auch nur, wenn seine Thesaurierer im Kurs steigen. Wenn der Wert am Jahresende geringer ist als am Jahresanfang, zahlt S. keine Steuern.
Das ist doch fast so gut wie steuerfrei. Darauf einen Botucal.
Da die Vorabpauschale so gering ist, löst Umschichten ordentliche steuerliche Verpflichtungen aus. Hier holt sich der Staat dann seine Steuern. Das ist aber auch gut so, denn es diszipliniert.

Achtung: Das Ganze ist eine Doppelwette!

  • erste Wette: Die Zinsen bleiben niedrig
  • zweite Wette: Das Steuerregime ändert sich nicht. Eigentlich ist es doch eine Gerechtigkeitslücke, dass S. als gutverdienender Arzt nur 90 Cent Steuern pro 10.000 € ETF-Volumen zahlt.

Der niedrige Steuersatz bei Auszahlung beziehungsweise die niedrige Steuerbasis bei Verrentung sind ebenfalls Wetten auf die Zukunft. In die Zukunft können wir nicht sehen. Aber wir können aus der Vergangenheit unsere Schlüsse ziehen.

Die Besteuerung im Lauf der Zeiten
  • Ab 1977: Dividenden werden nach dem Anrechnungsverfahren besteuert
  • Ab 1999: Die Spekulationsfrist für Wertpapiere wurde von sechs auf zwölf Monate erhöht
  • Ab 2002 der grundlegende Systemwechsel. Für Dividenden und Spekulationsgewinne gilt das Halbeinkünfteverfahren
  • Ab 2009: Abgeltungssteuer von 25 % plus Soli und Kirchensteuer
  • Ab 2018: Abgeltungssteuer plus Teilfreistellung und Vorabpauschale

In den letzten 20 Jahren hatten wir drei gravierende Änderungen der Steuergesetze. Wenn ich das einfach mal hochrechne, komme ich auf 4,5 Steuernovellen in den nächsten 30 Jahren. Linear in die Zukunft hochrechnen, dass darf man nicht. Lassen Sie uns deshalb lieber ein Vertrauensintervall abschätzen:

  • Alle 10 Jahre eine große Anpassung, das wären 3 Novellen oder – rund und roh – eine Novelle in jeder zweiten Legislaturperiode
  • Alle 5 Jahre eine große Anpassung, das wären 6 Novellen oder – abgeschätzt – eine Novelle pro Legislaturperiode

Das ist eine grobe Schätzung und ich weiß, dass ich hier ein Fünfjahresintervall mit einer vierjährigen Legislaturperiode kombiniere. Ich mache das, um Ihnen zu zeigen wie schwachsinnig die ganzen Zwei-Nachkommastellen-Projektionen sind. Meine Genauigkeit ist situationsangemessen. Alles andere ist Kontrollillusion.

Zurück zu S. und mir. 2050 will S. dann auch mal in Rente. Das Problem: Ich und meine Kumpels aus den geburtenstarken Jahrgängen sind noch ganz fidel am Start und wir haben seit 2030 eine Regierung installiert, die es gut meint mit uns Rentnern. Wir – die wir zwischen 1960 und 1969 geboren wurden – haben noch 30 Jahre vor uns. Das ersten 50 Jahre des 21. Jahrhunderts machen wir noch voll, bevor wir langsam abtreten.
Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Soweit die Großwetterlage. S. muss jetzt abschätzen, ob der Deal „Steuerersparnis übersteigt laufende Kosten“ eine Chance hat. Er hat dabei zwei Probleme

  1. Glaskugelproblem: Wie wird sich die Steuergesetzgebung in den nächsten 30 Jahren entwickeln? Die Corona-Krise hat gezeigt: Wenn es drauf ankommt, kann der Staat auch sehr fix sein mit neuen Gesetzen. Millionen marodierender Renter sind kein Spaß. Für keine Regierung.
  2. Das Fata-Morgana-Problem: Der Versicherungsvertreter wird einen tollen Schleiertanz aufführen, aber die genaue Kostenquote wird S. nie ermitteln können. Die Versicherungsbranche hat eine bessere Lobby als die Banken. Ihre Verträge sind notorisch intransparent. Ich hatte hier in der Freitagsliste immer wieder mal Links zu Bloggerkollegen, die versucht haben die Kostenquote ihres Vertrags zu ermitteln. Alle sind erbärmlich gescheitert. Die Kosten-Fata-Morgana lässt sich nicht verhaften.

Hier liegt eine grundsätzliche Informationsasymmetrie vor. S. wird nie so viel wissen wie das Versicherungsunternehmen. Er ist immer der Unterlegene. Beim ETF dagegen bekommt er die gleiche Produktqualität wie der institutionelle Anleger.

Auszahlung ETF im Versicherungsmantel

Wenn es dann auf die Zielgerade geht, wird der Versicherer irgendwann anfangen von Aktien in Anleihen umzuschichten. Oberste Priorität hat dabei nicht die Renditeoptimierung für S., sondern die Compliance. Das einzige was zählt: Kann die BaFin überall ein Häkchen machen? Niemand wird seinen Arbeitsplatz gefährden, nur um die Altersvorsorge von S. zu retten.
Ich erinnere an das Fairr-Riester-Debakel. Eine Umschichtung zur Unzeit vernichtet in wenigen Wochen jahrelange Aufbauarbeit.
S. ist sind dann die Hände gebunden. Als DIY-Anleger hat er die Kontrolle und kann die Sache aussitzen. Dann wird erst das Tagesgeld angeknabbert oder der Lebensstil runtergefahren oder S. verdient sich noch etwas dazu.
Diese ganzen Optionen gibt er auf, wenn er sein Geld in den Versicherungsmantel steckt.

Das große Ganze

Was soll denn die ganze ETF-Sparerei? Ziel dieser Diversifikationsstrategie ist es doch nicht arm zu sterben. Das wird S. mit seiner Sparquote sicher erreichen.
Grundsätzlich gilt im Leben: Agiere immer aus einer Position der Stärke heraus. Stärke bedeutet immer: Ich habe Optionen. Wahlmöglichkeiten zu haben ist ein Wert an sich und da es keinen Free Lunch gibt, muss S. dafür bezahlen.
Das tut er auch, indem er als DIY-Anleger auf den einzigen Vorteil verzichtet, den ein ETF im Trenchcoat hat: Diese Verträge lassen sich verrenten.
Nun stellt sich die Frage: Ist es überhaupt der Job eines Börsenengagements das Langlebigkeitsrisiko abzudecken? Ist dafür nicht die Solidargemeinschaft besser geeignet?
Jetzt ist der ETF Einzelschicksal und die Solidargemeinschaft ist Statistik. Dinge wie das Langlebigkeitsrisiko lassen sich besser über Statistik erledigen.
Deshalb die Frage: Welche Altersvorsorgebausteine hat S. noch? Gibt es eine gesetzliche oder berufsständische Versicherung, die das abdeckt?
Mein Vorschlag:

  1. Die Defizitbedürfnisse der Maslowschen Bedürfnispyramide (Essen, Schafen, Wohnen, Einkommen, Partner, Freunde) werden über die Solidargemeinschaft abgedeckt.
  2. Für die Wachstumsbedürfnisse (Anerkennung, Geltung, Selbstverwirklichung) ist der Kapitalmarkt zuständig.

ETF im Versicherungsmantel als Steuersparmodell

Steuersparmodelle funktionieren. Aber nicht auf dem Pipifax-Level für Privatanleger, sondern auf Apple- und Amazon-Niveau. Konzerne betreiben dieses Geschäft, wie die Ausbeutung einer Mine

  1. Prospektion: Wie fett ist der Braten? Wie lassen sich die aktuellen Steuergesetze ausbeuten?
  2. Exploration: Wie erschließen wir uns diese Geldquelle? Hier sind keine Geologen, sondern kreative Juraköpfe gefragt.
  3. Gewinnung: Flexibel denkende Buchhalter schleusen die Geldströme durch die Firma und lagern sie dann auf den entsprechenden Konten.

Das ist ein Geschäft, das berechenbar im Hier und Jetzt stattfindet. S. dagegen muss 30 Jahre lang zittern und beten, dass die Steuergesetzgebung von heute auch noch 2050 gilt. Das grenzt selbst im Land der Besitzstandswahrer an Vertrauensseligkeit.

Was sollte S. tun?

  1. Die Vertriebsoffensive zum Anlass nehmen die eignen Finanzen auf den Prüfstand zu stellen. Sicherlich hat S. einen schriftlichen Investitionsplan in dem er niedergelegt hat, warum er welche Strategie verfolgt und mit welchen Produkten er diese Strategie realisieren will. Steht in diesem Text, dass ein ETF im Mantel wünschenswert wäre? Ich vermute nein und verweise auf meine persönliche Trottelstory. Warum nicht einmal dieses Dokument an einem lauen Juli-Abend ausdrucken und dann mit Bier und Partnerin auf dem Balkon durchlesen und gegebenenfalls anpassen. Wenn es dieses Dokument nicht gibt: Den nächsten verregneten Samstag nutzen und eines verfassen. Der Frau zum Gegenlesen geben.
  2. Sich noch klarer darüber werden, wie er als Schichtarbeiter seine Zeit nutzen möchte. Wie viel Aufwand möchte S. in welche Lebensbereiche investieren? Es geht hier um die Opportunitätskosten. 10 Stunden, bevor der ETF-Versicherungsmantel-Vertrag unterschrieben ist. Ist es das wert? Oder doch lieber Balkon mit der Frau oder mit dem Chefarzt zum Kongress reisen, denn man will ja später mal Chefarzt anstelle des Chefarztes werden.
    • Wie viel Zeit darf Altersvorsorge beanspruchen?
    • Welche Verpflichtungen will ich mir aufhalsen? Ein ETF-Sparplan ist pflegeleicht und lässt sich leicht von Bank A zur Bank B verschieben.

Was noch bleibt: Sich beim Vertriebler für diesen Anstoß zu bedanken.

Caveat emptor

Beim ETF im Versicherungsmantel sind die Interessen von Anleger, Vertrieb und Anbieter nicht auf einer Wellenlänge. Der Anleger ist das schwächste Glied in der Kette.
Während ein DIY-Sparplan nur auf fundamentalen Optimismus beruht. „Der menschliche Forschergeist wird uns auch in der Zukunft ein gutes Leben bescheren“, braucht der ETF-Mantel-Sparer noch einen Haufen Stützprognosen (Steuergesetze, Insolvenz der Versicherung, Verkauf des Vertrages an einen Abwickler), um mit einem Plus aus der Sache herauszukommen.
Da gilt dann mein Spruch: Gib Murphy keine Chance! Was nicht da ist, kann auch nicht kaputt gehen.
Ein DIY-Sparplan reicht. Er erfüllt den Job „nicht arm sterben“ und ich erhalte mir als Anleger die Optionen selbst zu entscheiden, wann und wie ich entspare. Dafür verzichte ich auf die Möglichkeit der Verrentung.
Als Venture Capitalist bin ich skeptisch, ob das Team ETF & Versicherungsmantel die Chance hat langfristig profitabel zu sein. Deshalb: Caveat emptor!

Fazit

Geben Sie als Anleger niemals unnötig Optionen auf.

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